Traditionelle Grundformen
Bei der Gestaltung deiner Bonsai sind deiner Kreativität keine Grenzen gesetzt und es gibt keinerlei Ge- oder Verbote. Frei nach dem Motto: Was beliebt ist auch erlaubt! Es haben sich aber in der traditionellen Bonsaikunst zahlreiche Grundformen entwickelt, die sich über die Zeit als erstrebenswert durchgesetzt haben. Ich habe bei meiner Beschäftigung mit der speziellem Ästhetik von Bonsais allerdings den Eindruck gewonnen, dass sich mein persönliches Empfinden für Schönheit und Harmonie nicht immer mit diesen traditionellen Rastern in Einklang bringen lässt. Ich finde, es schadet aber trotzdem nicht, sie zu kennen. Du kannst dich streng an ihnen orientieren, sie von Fall zu Fall variieren oder sie ignorieren, ganz wie es dir gefällt.
In den folgenden Skizzen hab ich versucht, die wesentlichen Charakteristika der jeweiligen Form zu betonen:
Die streng aufrechte Form (Chokkan)
Der Stamm wächst senkrecht ohne nennenswerte Biegungen und verjüngt sich zum Gipfel hin. Im unteren Viertel befinden sich keine Äste. Zur Krone hin wachsen die Äste wechselseitig versetzt auf verschiedenen Höhen. Eine Verzweigung zur Vorderseite hin ist erst im oberen Drittel erwünscht. Auf der Rückseite wachsende Äste geben dem Bäumchen räumliche Tiefe.
Diese Form entsteht in der Natur, wenn ein Baum ohne Konkurrenz zu anderen an einem hellen Standort frei wachsen kann.

Die frei aufrechte Form (Moyogi)
In S-förmigen Biegungen verjüngt sich der Stamm zum Gipfel hin erkennbar. Bis zur Krone wachsen an den Außenseiten der Biegungen wechselständig versetzt die Äste. Eine Verzweigung zur Vorderseite hin ist erst im oberen Drittel erwünscht. Auf der Rückseite wachsende Äste geben dem Bäumchen räumliche Tiefe.
Die frei aufrechte Form wirkt etwas dynamischer und weniger stilisiert als die streng aufrechte Form.

Die geneigte Form (Shakan)
Hier wächst der Stamm in einem deutlichen Winkel zum Boden, während die Äste nahezu waagrecht bleiben. Um einen optisch harmonischen Eindruck zu erzeugen, sollte der erste Ast entgegengesetzt zur Neigung stehen.
Diese Form simuliert einen Baum, der irgendwann vom Wind umgedrückt wurde und sich mit der Zeit wieder aufgerichtet hat.

Die Kaskadenform (Kengai)
Die Kaskadenform entsteht in der Natur, wenn ein Baum an einer Felswand oder Klippe wächst und von z.B. Steinschlag oder Schnee extrem niedergedrückt wurde. Diese Unwirtlichkeit der Umstände soll in der Kaskadenform simuliert werden, was zu teilweise recht bizarren Formen führt. Die Schalen für die Kaskadenform sind normalerweise schlank und hoch. Die Baumspitze wird dabei bis zum Schalenboden oder auch noch tiefer gezogen. Den höchsten Punkt des Bäumchens kann ein Hauptast markieren, der quasi als Ersatzkrone nach oben wächst.

Die Halbkaskadenform (Han-Kengai)
Die Halbkaskade soll einen Baum nachbilden, der in einer Felswand wächst oder über eine Klippe hinausragt und von Wind und Wetter niedergedrückt wurde und so seitwärts wächst.
Typisch für diese Form ist, dass der eigentliche Baumwipfel nicht der höchste Punkt des Bäumches ist. Die Baumspitze befindet sich idealerweise erkennbar unter dem Schalenrand, ist aber nicht so weit nach unten gezogen wie bei der Kaskadenform. Den höchsten Punkt des Bäumchens kann ein Hauptast markieren, der quasi als Ersatzkrone nach oben wächst.

Die Besenform (Hokidachi)
Die Vorbilder für die Besenform findet man in der Natur in freistehenden Laubbäumen, bei denen sich eine dichte Laubkrone entwickeln kann, weil sie nicht in Konkurrenz um Licht und Nährstoffe zu anderen Bäumen stehen. Typisch für diese Form ist ein gerader Stamm, der sich ab einem Drittel der Höhe des Bäumchens fächerartig verzweigt und eine ausladende Krone bildet.

Die Literatenform (Bunjingi)
Typisch für die Literatenform ist ein langer schlanker Stamm, der nahezu gerade nach oben wächst, aber nur im oberen Drittel vitale Äste und eine Krone ausbildet. Weiter unten am Stamm finden sich oft Totholzäste. Die Literatenform bildet einen Baum nach, der sich gegen starke Konkurrenz um Licht durchgesetzt hat und dazu gezwungen wurde v.a. hoch zu wachsen. Kleine runde Schalen eignen sich für diese Form am besten, weil sie den Eindruck eines hochgewachsenen Bäumchens wirkungsvoll unterstreichen.

Die windgepeitschte Form (Fukinagashi)
Wenn z.B. am Meer ein starker Wind vorwiegend aus einer Richtung weht, formt er die natürlichen Vorbilder für diese Grundform. Der Stamm ist dabei geneigt und die Äste und Verzweigungen weisen alle in die gleiche Richtung. Bonsais mit dieser Grundform wirken oft sehr dynamisch, wenn sie so gestaltet sind, dass versucht wird einen Baum darzustellen, der in diesem Moment von einem starken Sturm durchgeschüttelt wird.
